Feb 14, 2020

Nisht derbrente shaytn!

Unter diesem Titel – auf Deutsch „Nicht verbrannte Scheite“ – erschien von dem Autor Mordechai Wolf Bernstein im Jahr 1956 in Buenos Aires ein Buch in jiddischer Sprache.

Es ist, wie im Jiddischen üblich, in hebräischen Lettern gesetzt, und enthält u. a. eine Beschreibung der Sammlung der Tora-Wimpel aus dem Städtischen Museum Göttingen. Tora-Wimpel sind gestickte oder bemalte Streifen aus Leinenstoff, die im deutschen Judentum der frühen Neuzeit anlässlich der Geburt eines Sohnes angefertigt wurden.

Mordechai W. Bernstein, 1948

Um eine Erklärung für diesen überraschenden Sachverhalt zu finden, muss man zunächst fragen: Wer war Mordechai Wolf Bernstein? Bernstein wurde am 14. Juni 1905 als Sohn von Moshe und Zippe Bernstein in Byten bei Grodno in Weißrussland geboren. Er erhielt eine traditionelle jüdische Erziehung, zuletzt am jüdischen Lehrer-Institut in Wilna. Bernstein überlebte den Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion, wo er zeitweise in Moskau gemeinsam mit dem späteren israelischen Premierminister Menachem Begin inhaftiert war. 1948 kam Bernstein nach Deutschland und arbeitet als Bibliothekar in Stuttgart. Im Auftrag des Jewish Scientific Institute (YIVO) suchte er nach Zeugnissen des früheren jüdischen Lebens in Deutschland, die das Höllenfeuer des Völkermords überdauert hatten – eben „Nicht verbrannte Scheite“. 1952 emigrierte er nach Argentinien, wo er zwischen 1955 und 1960 in jiddischer Sprache drei Bände zur Geschichte der deutschen Juden veröffentlichte. Bernstein starb am 21. April 1966 in New York.

Auf seiner Suche kam Bernstein 1949 auch ins Städtische Museum Göttingen, wo er als erster die dortige hochwertige Sammlung jüdischer Kultgegenstände erfasste und wissenschaftlich beschrieb. Aufgrund seiner fundierten traditionellen jüdischen Erziehung erkannte er insbesondere den großen kulturgeschichtlichen Wert der Göttinger Tora-Wimpel. Zahlreiche Informationen über jüdischen Kultus und Glauben und insbesondere die Übersetzung der hebräischen Datierung der Wimpel sowie die Lesung der hebräischen Namen waren sein Verdienst. Sie bilden die jetzt noch gültige Grundlage der Inventarisierung und wissenschaftlichen Dokumentation der Göttinger Judaica-Sammlung.

Sind die Ergebnisse seiner Arbeit somit fest im kollektiven Gedächtnis des Museums und damit der Stadt Göttingen verankert, so gilt das nicht für den Namen und die Person von Mordechai Wolf Bernstein. Er hatte seine Bücher über die nicht verbrannten Reste des kulturellen Lebens in Deutschland bewusst in Jiddisch verfasst, weil er auf diese Weise diese kulturelle Tradition im Gedächtnis der Überlebenden des deutschen und osteuropäischen Judentums verankern wollte.

Er selbst allerdings ist in Göttingen dem verfallen, was die Römer damnatio memoriae nannten, die Tilgung des Andenkens an einen Menschen aus dem kollektiven Gedächtnis. Der damalige Museumsleiter Otto Fahlbusch hat es in seinen offiziellen Tätigkeitsberichten peinlich vermieden, den Namen Mordechai Wolf Bernsteins zu erwähnen und seine Leistungen zu würdigen. Mit den Ergebnissen der Arbeit Bernsteins wusste er allerdings durchaus zu renommieren und verwies mit Stolz auf den Wert der Göttinger Judaica-Sammlung und besonders der Göttinger Tora-Wimpel.Das Museum hat diese Wimpel im letzten Jahr aufwendig restaurieren lassen. Im demnächst dazu erscheinenden Bestandskatalog wird die entscheidende Rolle Mordechai Bernsteins in der Geschichte der Göttinger Tora-Wimpel gewürdigt, so das ihm über fünfzig Jahre nach seinem Tod zumindest ein wenig Gerechtigkeit widerfährt.

 

Über Ernst Böhme

Ernst Böhme ist Leiter des Städtischen Museums Göttingen.