Feb 11, 2022

„…ist aber drinnenplieben und von etzlichen Turken erschoßen.“

Zwei Schicksale aus den Türkenkriegen in Göttingen und Umgebung

Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen,
als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
wenn hinten, weit, in der Türkei,
die Völker auf einander schlagen.“

Diese Worte, die Goethe im Faust I einem deutschen (Spieß-)Bürger in den Mund legt, spiegeln treffend die Sicht auf die sog. Türkenkriege zwischen verschiedenen mitteleuropäischen Mächten und dem Osmanische Reich im ausgehenden 18. Jahrhundert wider. Goethe spricht hier in der Endphase der jahrhundertelangen militärischen Auseinandersetzungen. Damals befanden sich die Osmanen schon längst militärisch und außenpolitisch in der Defensive und innenpolitisch in einer bedrohlichen Krise. Sie wurden, zumal im mittleren und nördlichen Deutschland, nicht mehr als reale Gefahr empfunden.

Das ist über ca. vierhundert Jahre hin ganz anders gewesen. Vom beginnenden 14. bis zum beginnenden 18. Jahrhundert hatten die gewaltigen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Osmanen auf der einen und zunächst Ungarn, dann vor allem den Habsburgern und dem Deutschen Reich auf der anderen Seite die Geschichte Mitteleuropas geprägt. Das galt in wahrhaft umfassender Hinsicht: militärisch, politisch und wirtschaftlich sowie in Bezug auf gesellschaftliche Entwicklungen und mental-religiöse Prägungen.

Auch im kleinen norddeutsche Göttingen und seiner näheren Umgebung – obwohl von den südosteuropäischen Schlachtfeldern weit entfernt – bekamen die Menschen die Auswirkungen dieser Kriege zu spüren.

1557 sehen wir zum ersten Mal, dass sich Göttinger aktiv am Krieg beteiligten. In den Annalen des Franciscus Lubecus heißt es, dass „in dißem jare ist ein zug gescheen von reutern und knechten nach dem lande zu Ungeren, darhin dan beide, reuter und knecht, von burgren und burgerssohnen mit hineinzogen.“ Wer diese Bürger und Bürgersöhne waren, wie viele sich aufmachten und auf wessen Initiative hin sie sich als Landsknechte für den Krieg in Ungarn anwerben ließen, bleibt im Dunklen. Anzunehmen ist, dass dieser Zug in dem überschaubaren Göttingen viele Menschen bewegt und wohl auch in Verzweiflung gestürzt hat.

Denn dass auf die Männer vor allem Krankheit und Tod warteten, lässt sich wenige Jahre später nachvollziehen. 1565 berichtet Lubecus, dass in diesem Jahr die Türken ganz Ungarn erobern wollten. Da sei auch „Johan Rhebock“ (Johann Rebock d. J.), ein Ritter von Adel aus dem Fürstentum Herzog Erichs von Calenberg, als Rittmeister mit vielen Reitern nach Ungarn gezogen. „Ist aber drinnenplieben und von etzlichen Turken erschoßen.“ Dienstherr Rebocks war Kurfürst August von Sachsen, der ihn 1564 auf Kosten des Reichs angeworben und 1565 nach Ungarn in Marsch gesetzt hatte. Dort kam er Ende September in einem Gefecht mit den Türken zu Tode. Sechs Jahre später errichtete seine Witwe für ihn in der ehemaligen Kirche St. Martin in Moringen ein Epitaph.

Süleyman der Prächtige, ca. 1530

Wenn Lubecus den Tod des Johann Rebock in seinen Göttinger Annalen erwähnt, zeigt das, wie sehr das Schicksal dieses vergleichsweise prominenten Mannes die Menschen in Göttingen und Umgebung interessierte und bewegte.

Hintergrund für den Marsch Johann Rebocks nach Ungarn war ein erneutes Aufflammen des Krieges. Kaiser Maximilian II., zugleich König von Ungarn, hatte den osmanischen Vasallen Johann Sigismund Szapolyai, seinen Konkurrenten als König von Ungarn und Fürst von Siebenbürgen, angegriffen. Darauf antwortete der osmanische Herrscher Sultan Süleyman der Prächtige mit einem Vorstoß nach Ungarn, um seine Position dort und in Siebenbürgen abzusichern.

In den Zusammenhang dieser Kämpfe gehört auch das traurige Schicksal des Hans Moleken, der 1566 als Landsknecht nach Ungarn gezogen und dort verschollen war. 1570 wurde er faktisch für tot erklärt. Zwischen seiner Frau und ihren Kindern einerseits und seiner Mutter, vertreten durch ihren zweiten Mann Bartholomäus Dorman, andererseits kam es daraufhin zu einem Rechtsstreit um sein Erbe. Denn da gab es tatsächlich etwas zu holen, Hans Moleken scheint kein armer Mann gewesen zu sein: Seine Kinder erhielten vier Mark Pension und 72 Mark Kapital, Bartholomeus drei Mark Pension und 54 Mark Kapital, die er aber, falls Hans doch noch wiederkommen sollte, wieder herauszugeben versprach.

Was trieb Hans Moleken dazu, als Landsknecht in den Krieg nach Ungarn zu ziehen? Bei Johann von Rebock kann man annehmen, dass er dem traditionellen Selbstverständnis des Adels folgte, dementsprechend bereits Kriegserfahrungen besaß und deshalb als Rittmeister in sächsische Dienste treten konnte. Aber der einfache Göttinger Einwohner Hans Moleken, den Lubecus in seinen Annalen keiner Erwähnung für Wert befand? Warum verließ er seine Familie und seine materiell offenbar recht komfortable Existenz, um sein ziviles Leben aufzugeben und sich als Landsknecht in ein letztlich tödliches Abendteuer zu stürzen? War es religiöser Eifer, der ihn zum Kampf

Prinz Eugen von Savoy, 1718

gegen den „Türk, der Christen Erbfeind genandt“, trieb, war es Abenteuerlust, oder doch die Versprechungen der Werber auf Sold und reiche Beute? Wir wissen es nicht.

Nach der Niederlage der Osmanen vor Wien 1683 verschoben sich allmähliche die Gewichte in den Türkenkriegen. Habsburg mit seinem genialen Feldherrn Prinz Eugen von Savoyen gelang es im 18. Jahrhundert Zug um Zug, das Osmanische Reich in die Defensive zu drängen.

Für die Göttinger verschwand in diesen Jahrzehnten der Krieg mit den Osmanen im konkreten und im übertragenen Sinn immer weiter hinter dem Horizont. Mit den Kriegsgreul vor der eigenen Haustür wie dem Siebenjährige Krieg waren die Menschen vollauf beschäftigt. So ist es gut vorstellbar, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts auch Göttinger Bürger beim sonntäglichen Frühschoppen behaglich darüber plauderten, wie hinten, weit, in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen.

 

 

Beitragsbild: Franciscus Lubecus: Göttinger Annalen. Von den Anfängen bis zum Jahr 1588.

Über Ernst Böhme

Historiker