Mai 1, 2020

Heraus zum 1. Mai?

Unter diesem traditionsreichen Motto finden in Göttingen wie in vielen anderen Städten seit Jahrzehnten Demonstrationen der Gewerkschaften zum „Tag der Arbeit“ am 1. Mai statt. In diesem Jahr muss im Zeichen der weltweiten Corona-Pandemie das hinter diesem Aufruf sonst übliche Ausrufe- durch ein Fragezeichen ersetzt werden. In Göttingen und an den meisten Orten wird es in diesem Jahr keine offiziellen Veranstaltungen geben.

Der erste Mai als Feiertag, vor allem aber als Kampftag der Arbeiterschaft hat eine über hundert Jahre alte Geschichte. Er setzte sich, ausgehend von den USA, seit 1886 durch. 1890 wurde er zum ersten Mail mit Massenstreiks und Massendemonstrationen in der ganzen Welt begangen.

In Deutschland bedeutete auch in der Geschichte dieses Tages das Ende des Ersten Weltkriegs einen tiefen Einschnitt. In den Monaten nach der Novemberrevolution 1918 konnten die Gewerkschaften im Verbund mit der Sozialdemokratie Erfolge verbuchen, um die sie zuvor Jahrzehnte vergeblich gekämpft hatten: die Einführung der Kollektivvereinbarungen (später: Tarifverträge), der Betriebsräte, des 8-Stunden-Tags, der Koalitionsfreiheit der Arbeiterschaft (Gewerkschaftsfreiheit) und eben des 1. Mai als staatlichen Feiertag.

Der 1. Mai 1919 wurde nach Ausweis der offiziösen Chronik der Stadt dann auch „von der Arbeiterschaft festlich begangen“. Die Erhebung zum offiziellen Feiertag, und das war eine gravierende Einschränkung, galt allerdings nur für das Jahr 1919. Danach ist von Veranstaltungen der Gewerkschaften zum 1. Mai in der Chronik keine Rede mehr.

1. Mai 1933 Polizisten beim Marsch Weender Str. Ecke Mühlenstr.

Erst die Nationalsozialisten mit ihrer zynischen Mischung aus brutaler Machtpolitik und skrupelloser Propaganda griffen die Idee wieder auf und formten sie in ihrem Sinne um. Am 10. April 1933 ernannten sie den 1. Mai zum „Tag der nationalen Arbeit“ – nur um am 2. Mai 1933 die Gewerkschaften gleichzuschalten, die Gewerkschaftshäuser zu stürmen und ihr Vermögen zu beschlagnahmen. Auch in Göttingen fanden 1933 behördlich genehmigte und kontrollierte Aufzüge unter der Führung von Vertretern des neuen Regimes statt. [Abbildung] Im Jahr 1934 wurde dann der 1. Mai durch eine Gesetzesnovelle zum „Nationalen Feiertag des deutschen Volkes“ erklärt, der von der nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront organisiert und durchgeführt wurde.

Auch in Göttingen konnten erst nach der Befreiung vom Nationalsozialismus am 1. Mai 1947 die freien Gewerkschaften – wie die Chronik der Stadt vermerkt – „auf dem Platz vor dem Geismar-Tor den Weltfeiertag der Arbeit mit einer Kundgebung“ wieder begehen. 2020 erzwingt die Bedrohung durch das Corona-Virus und die Solidarität mit all jenen, die durch diese neuartige Krankheit besonders bedroht sind, eine Unterbrechung dieser Tradition. Es ist aber für eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft von existenzieller Bedeutung, dass es, wenn diese Gefahr gebannt ist, im nächsten Jahr auch in Göttingen wieder heißt: „Heraus zum 1. Mai!“

Über Ernst Böhme

Ernst Böhme war Leiter des Städtischen Museums Göttingen.