Mai 21, 2020

Eine Lokomotive im Gartetal

Die Gartetalbahn, wie sie von den Göttinger*innen genannt wurde, nahm 1897 ihren Betrieb auf.

Vorplatz Bahnhof Göttingen, um 1900, kurz nach der Umgestaltung.

In der Nähe des Dorfes Weißenborn entspringt „Die Garte“. Sie durchfließt ein romantisches bewaldetes Tal, um dann in die Leine zu münden. Der fruchtbare Boden und einige Steinbrüche prägen die Wirtschaftsgeschichte dieses Gebiets. Zuckerrüben wurden angebaut und in etlichen Orten des Leinetals bestanden Zuckerfabriken. Durch eine Verbesserung der Infrastruktur sollte die Wirtschaft der Region gestärkt werden. Eine Lokomotive erhielt ihren Endbahnhof südlich des Bahnhofvorplatzes, dort wo heute der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) ist.

 

1922 wurde der Gartetalbahnhof Göttingen in die Groner Landstraße verlegt, auf jenes Gelände welches heute noch den Namen „Am Gartetalbahnhof“ trägt.

Letzte Fahrt der Dampflokomotive, Himmelfahrt 1957. Danach fuhr die Bahn noch bis Oktober 1957 mit einem Dieseltriebwagen, dann wurde ihr Betrieb endgültig eingestellt.

Die Gartetalbahn, wie sie von den Göttinger*innen genannt wurde, nahm 1897 ihren Betrieb auf. Von Göttingen fuhr die Bahn durch das Gartetal nach Rittmarshausen. Zeitweise spielte sie eine bedeutende Rolle für die Landwirtschaft und die Region. Aber auch als beliebtes Verkehrsmittel für Ausflüge in die nähere Umgebung der Stadt und somit für die dortige Gastronomie gewann die Kleinbahn rasch große Bedeutung.

Meine Großeltern sind im Gartetal aufgewachsen und haben Erinnerungen an die Kleinbahn aus ihrer Kindheit und Jugend. So erinnert sich mein Großvater als Kind zum ersten Mal zusammen mit seinem Großvater mit der Gartetalbahn in die Stadt gefahren zu sein.  Das war für den damals kleinen Jungen ein aufregendes Ereignis, er strahlt, als er mir davon erzähltDie Fahrt dauerte lange, eine Stunde manchmal mehr. Im Winter bei viel Schnee schaffte es die Lokomotive kaum den Berg bei Diemarden hinaufzukommen, dann hieß es aussteigen und schieben. Mit dem Fahrrad sei man schneller gewesen, erzählt mein Großvater lebhaft. Einige fuhren aber trotzdem mit der Kleinbahn zur Arbeit in die Stadt. Die Arbeitstage waren lang und Zeit für Freizeit habe es eigentlich nicht gegeben, so nutzten manche diese Zeit für Kartenspiele. Als Jugendlicher habe man natürlich nicht mitspielen dürfen, erzählt mein Großvater weiter.

Die hölzernen Marktwagen vor der Verladung in die Wagons der Gartetalbahn, um 1950.

Es war eine gesellige Fahrt, zu viert saß man sich gegenüber, einer hatte ein Holzbrett dabei, das als provisorischer Tisch diente. Die hinteren Wagons waren reserviert für Menschen, die Waren in die Stadt transportierten. An den Markttagen war die Bahn immer sehr voll mit Menschen und allerlei Gütern. Es war ein geschäftiges Treiben. Die Kinder haben sich ein paar Groschen verdienen können, wenn sie halfen die schweren Marktwagen in die Wagons der Bahn zu schieben.

 

Ausflügler aus der Stadt kamen an den Sonn- und Feiertagen, um die zahlreichen Wirtshäuser entlang der Strecke zu besuchen. An Himmelfahrt waren es zumeist Studenten, auf der Rückfahrt in die Stadt konnte es dann auch schon mal Turbulent zugehen.

Die Haltestelle am Waterloo

Der Beginn der Strecke führte nach Süden, durch die Leinestraße in die heutige Südstadt. Am „Lindenkrug“ in der Lotzestraße war der erste Haltepunkt. Weiter ging die Fahrt in Richtung Gartetal. Es folgten mehrere Haltestellen: die an der Landwehrschenke in der Reinhäuserlandstraße, an der Gartenschenke, in Diemarden und Klein Lengden, an der Steinsmühle, am Gasthaus Eichenkrug, in Benniehausen und die Haltestelle am Waterloo. Das Waterloo war ebenfalls ein Wirtshaus. Dahinter gab es eine Lagerhalle, wissen meine Großeltern, in der die Zuckerrüben aus der Region gelagert und anschließend auf die Kleinbahn verladen wurden, um sie nach Göttingen zu transportieren. Von wo aus die Rüben weiter in eine große Zuckerfabrik nach Nörten fuhren. Der dort produzierte Zucker wurde auf dem gleichen Weg zurück zum Waterloo transportiert und ebenfalls in der Halle gelagert. Wichtig war, dass es in der Lagerhalle trocken war, da der Zucker in Papiersäcken geliefert wurde.

Die nächste Station war Wöllmarshausen und schließlich Rittmarshausen. Meine Großmutter kann heute noch alle Haltestellen aufzählen. 1907 wurde die Strecke bis nach Duderstadt verlängert. Dies brachte allerdings nicht den erwarteten Erfolg und die Bahn geriet immer wieder in wirtschaftliche Schwierigkeiten.

 

Leinestraße, um 1950, im Hintergrund der Bahnhof.

Gegen zwei grundsätzliche Probleme konnte die kleine Bahn sich schlussendlich nicht durchsetzen. Ihr Schienenbetrieb entwickelte sich in ihren letzten Jahren immer ungünstiger. Der Verkauf von Fahrkarten ging stätig zurück, obwohl die Anzahl der gemeldeten Einwohner schnell zunahm.

Kollision einer Dampflokomotive der Gartetalbahn an einer Straßenkreuzung auf der Reihnhäuserlandstraße mit einem Lastkraftwagen, um 1950.

 

 

 

Außerdem erwiesen sich die zahlreichen Straßenkreuzungen der Gartetalbahn häufig als hinderlich für den immer stärker werdenden Verkehr der sich rasch vermehrenden Kraftfahrzeuge, die schneller und mobiler waren und so kam es nicht selten zu Kollisionen.

 

 

 

Der neue Dieseltriebwagen und die alte Dampflok, 1957.

Durch Unterstützung von öffentlicher Stelle wurde 1952 die drohende Gefahr einer Einstellung des Betriebes der Gartetalbahn noch einmal gebannt. An Himmelfahrt 1957 unternahm jedoch die Dampflokomotive ihre letzte Fahrt, sie hatte nicht gegen die Konkurrenz des Dieseltriebwagens bestehen können. Aber auch von dem Dieseltriebwagen wurde die Bahn nicht mehr für lange Zeit gezogen, so machte die Gartetalbahn am 30. Oktober 1957 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung ihre endgültig letzte Fahrt nach Rittmarshausen. Den Personenverkehr übernahmen Autobusse. Der Bus brauchte nur die Hälfte der Zeit, die die Bahn benötigt hatte, aber es war auch anonymer, zu zweit wurde hintereinander gesessen und eine schnelle Ankunft herbeigesehnt. Die Romantik war aber schon mit dem Ende für die Dampflokomotive vorbei. Das letzte große Ereignis in der Erinnerung meiner Großeltern im Zusammenhang mit der Kleinbahn ist der mühsame Transport eines Kühlschranks, den sie sich zu ihrer Hochzeit 1957 in Göttingen gekauft hatten.

Über Adina Eckart

Adina Eckart ist wissenschaftliche Volontärin im Städtischen Museum Göttingen.