Else Wurm. Porträt von Hermann Dörmann

Gina Wurm. Porträt von Gottfried Stein

     Juli 2018

Neu eingetroffen

Tete Böttger schenkt dem Museum Gemälde aus Familienbesitz

Das Städtische Museum hat kürzlich zwei Neuzugänge für seine Grafik-Sammlung erhalten. Dabei handelt es sich um Pastelle der Maler Hermann Dörmann (1888-1952) und Gottfried Stein (1915-1999), die der Kunstverleger und Sammler Tete Böttger dem Museum überlässt. Die Werke sind laut Widmung Porträts von weiblichen Mitgliedern der Familie Wurm. Die Verlegerfamilie gründete 1889 das Göttinger Tageblatt. Zur Dokumentation der Geschichte dieser traditionsreichen Göttinger Lokalzeitung sind die Werke für die Sammlung des Museums daher von großem Wert.

Das Pastell von Hermann Dörmann zeigt ein Kniestück der Else Wurm, der Ehefrau von Theodor Wurm. Theodor war der Sohn des Tageblatt-Gründers Gustav Wurm und übernahm mit seinem Bruder Victor 1924 die Firmenleitung. Seine Ehefrau Else stammte aus Göttingen und heiratete 1924 im Alter von 22 Jahren in die Familie ein. Das Bildnis ist vom Künstler signiert und wurde 1938 gefertigt. Else Wurm trägt ein elegantes Chiffonkleid mit einer Stola, ihr Haar ist aus dem Gesicht frisiert und hochgesteckt. Das Halbfigurenbildnis von Gottfried Stein porträtiert die Tochter von Else und Theodor, Gina Wurm. Sie wurde 1928 geboren und lebte mit ihrem Mann Wilhelm Pfeffer in Göttingen. Sie ist mit einem geblümten Sommerkleid und kurzem lockigen Haar dargestellt. Das Bildnis ist nicht datiert, hinsichtlich der Haar- und Kleidermode muss es wohl Mitte der 1950er Jahre entstanden sein.

Leben und Werk des Künstlers Hermann Dörmann sind kaum erforscht. 1888 in Bölhorst bei Minden geboren, lebte er nach dem Studium an der Kasseler Kunstakademie in Dresden, Berlin und Paris. Ab 1928 wurde er in Detmold ansässig, wo er sich einen Namen als Landschaftsmaler machte und zahlreiche Porträtaufträge von Adels- und Industriellen-Familien, unter anderem Galen (Familie des Kardinal Clemens August Graf von Galen) und Fürstenberg, sowie regionaler lippischer und westfälischer NS-Größen erhielt.

Gottfried Stein stammte aus Göttingen und studierte in Kassel und Berlin. Nach dem Krieg kehrte er 1946 nach Göttingen zurück und wurde ein gefragter Porträtmaler. Zu den Porträtierten gehörten unter anderem der Nobelpreisträger Otto Hahn, Prinz Louis Ferdinand von Preußen, der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizäcker und zahlreiche Göttinger Professoren und Persönlichkeiten, von denen sich auch einige in der Sammlung des Städtischen Museums befinden.

Neben dem für die stadtgeschichtliche Sammlung überaus großen Wert der beiden Bildnisse zeigen die Werke sehr anschaulich das Kunstverständnis ihrer jeweiligen Entstehungszeit auf. So ist Dörmanns Porträt aufgrund der naturalistischen Darstellungsweise noch ganz der akademischen Gattungsmalerei verpflichtet. Stein verarbeitet in seinem Bildnis durch die changierende und kräftige Farbgebung impressionistische und expressive Tendenzen. Ein Generationenwechsel zeigt sich also nicht nur bei den Dargestellten, sondern auch bei den Künstlern.

Das Bildnis von Else Wurm ist aufgrund seiner Datierung als nicht unproblematisch anzusehen, und seine Aufnahme wurde genauestens abgewogen, denn es ist während des NS-Regimes entstanden. Die von den Nazis geduldete Kunstauffassung war eine klare Absage gegen alle modernen und avantgardistischen Tendenzen, die vor allem durch den Expressionismus herausgebildet und ab 1937 in der Wanderausstellung "Entartete Kunst" diffamiert wurden. Die offiziell geförderte Kunst verfolgte keinen einheitlichen Stil und zeigte meist den perfekten und gesunden Menschen in einer idealisierten Alltagswelt. Diesen Kunstgeschmack bediente auch Dörmann. So entspricht die liebliche Darstellung der Else Wurm in ihrer biederen Ästhetik dem Idealbild der Frau in dieser Zeit und ist exemplarisch für das Kunstverständnis einer bürgerlichen Göttinger Familie mit nationalkonservativer Geisteshaltung.

Tete Böttger überlässt dem Museum beide Pastelle aus Familienbesitz. Der Kunstverleger und Mäzen setzte sich in der Vergangenheit für die Rückgabe von Beutekunst ein. Er ist vielen Göttingerinnen und Göttingern vor allem durch die Errichtung der Georg-Christoph-Lichtenberg-Statue neben dem Alten Rathaus bekannt, die er aus eingeschmolzenen Büsten von Lenin, Stalin und Enver Hodscha 1992 von dem albanischen Künstler Fuat Dushku fertigen ließ.