Sonntag 27. August 2017, 15.00 Uhr

Für und wider die Abgötterei
Heiligen- und Reliquienverehrung vor und nach der Reformation

Diese Reliquien werden in der Sonderausstellung gezeigt. Sie stammen u. a. von dem Hl. Alexander und dem Hl. Kilian. Die Reliquien waren ursprünglich im Kopf einer Marienstatue deponiert. Diese Statue kann wegen des Schädlingsbefalls des Museumsgebäudes nicht mehr ausgestellt werden.

     Vortrag von Prof. Dr. Hedwig Röckelein im Rahmen der Vortragsreihe zur Sonderausstellung 1529 - Aufruhr und Umbruch

Der Besuch des Vortrags ist im Eintrittspreis der Sonderausstellung enthalten

Heilige überall: Das Leben der Menschen im mittelalterlichen Göttingen war erfüllt von Heiligen: Die Tage des Jahres waren nach ihnen benannt, Kinder wurden auf ihren Namen getauft. Heilige wurden bei Krankheit, Unwetter und anderen Notlagen um Hilfe angerufen, Wallfahrer kamen in die Paulinerkirche und nach Nikolausberg, um vor den Reliquien des heiligen Thomas von Aquin und des heiligen Nikolaus zu beten. In den Kirchen waren bunte Holzfiguren der Heiligen aufgestellt und ihre Lebensgeschichte wurde auf den Altarbildern illustriert. In der Sonderausstellung im Städtischen Museum wird die Heiligen- und Reliquienverehrung anhand faszinierender, z. T. erstmals präsentierter Objekte dagestellt.

Die Verehrung der Heiligen und ihrer körperlichen Überreste, der sog. Reliquien, kam in der Reformation in Verruf. Neben dem Ablasswesen gehörte die Heiligen- und Reliquienverehrung zu den am heftigsten kritisierten Gebräuchen des alten Glaubens. Auch in Göttingen wurden Heiligenbilder in einem Bildersturm aus den Kirchen gerissen und auf dem Marktplatz verbrannt. Martin Luther lehnte zwar die Anbetung der Heiligen ebenso ab wie die Auffassung, dass die Heiligen Mittler zwischen Gott und den Menschen seien, aber er verurteilte auch den Bildersturm. Als vorbildliche Glaubenszeugen und als Vorbilder der guten Werke ließ er die Heiligen gelten. Die Rolle des Mittlers zwischen Gott und den Menschen billigte er jedoch Christus allein zu.

Der Vortrag zeigt auf, welche Bedeutung die Heiligen während und nach der Reformation für die Göttinger Bevölkerung und den Göttinger Rat hatten und wie mit ihnen umgegangen wurde. Am Ende steht die Frage, was nach der Reformation vom mittelalterlichen Heiligenkult im lutherischen Göttingen übrig geblieben ist.

Frau Prof. Röckelein studierte Germanistik, Geschichte, Politik und ur- und frühgeschichtlichen Archäologie an den Universitäten Würzburg und Freiburg im Breisgau. 1985 wurde sie in Freiburg mit einer Arbeit über hochmittelalterliche lateinische Visionsliteratur promoviert, 1998 folgte die Habilitation mit einer Untersuchung über Reliquienverehrung, Kommunikation und Mobiliät im Frühmittelalter. Seit 1999 lehrt sie als Professorin für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Göttingen. Forschungsschwerpunkte von Frau Prof. Röckelein sind Reliquienverehrung, Medien und Kommunikation im Mittelalter sowie die mittelalterliche Frauen- und Geschlechtergeschichte.